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Aktuelles



Aktuelles von Juli bis September 2003

 

30.9.2003:
Die Arbeit mit meiner Nachwuchstruppe hält meine Moral hoch. Hier kann ich etwas weitergeben und es wird von meinen Jungs auch wirklich angenommen. Ein schönes Gefühl! Ein Brotberuf ist es leider nicht.

Ich habe die Distanzen im Radtraining kontinuierlich angehoben und bin heute schon wieder 3,25 h auf dem MTB gesessen. Meist bin ich kurz und ziemlich flott gefahren. Es hat mir gut getan, besonders weil ich durch die Lauferei (und durch wahrscheinlich zu schnelle Steigerungen) Probleme mit den Achillessehnenansätzen an den Fersen bekommen habe. Auch im Krafttraining habe ich mich wieder in den unteren Normalbereich gehievt.

Die Sitznarbe ist eigentlich super geworden, nur ein kleines Stück verursacht noch geringe Druckbeschwerden, aber das wird sich mit der Zeit geben. Wenn man das früher gewußt hätte, wäre ich schon Jahre früher - als alles noch nicht so schlimm war - zum Plastischen Chirurgen gegangen. Dann wäre der Eingriff auch nicht gar so invasiv gewesen.

Leider ist meine Hormonlage wieder schlechter geworden. Ich hoffe nicht, daß nach einem anfänglichen Peak sich jetzt der Pegel im unteren Normbereich festsetzt.

Im September hatte ich 42 Trainingsstunden, davon 21 auf dem Rad.

18.9.2003:
Langsam bessert sich wie erhofft mein Zustand. Ich bin zwar oft traurig und fühle mich innerlich verletzt, sehe aber auch wieder Licht am Ende des Tunnels. In solchen Situationen im Leben wird einem bewußt, daß man doch gerne lebt in dieser wunderbaren Schöpfung und letztendlich überwiegt die Dankbarkeit über die Bitterkeit. Sollte man meinen, aber der Mensch schwächelt doch öfter und so kommt es eben zum Auf und Ab ............

Wieder einmal hilft der Sport. Aus den Bergwanderungen sind Bergläufe geworden, das Lauftraining habe ich schon wieder in leistungssportliche Bereiche angehoben und im Krafttraining bin ich bereits über die vorsichtige Anfangsphase hinaus. Seit 10 Tagen darf ich sogar wieder Radfahren - 10 min auf dem Ergometer mit Steigerungen im Minibereich. An der Sitznarbe muß wie befürchtet noch etwas operativ nachgebessert werden, allerdings kann das erst Ende Oktober erfolgen.

Mein Testosteronspiegel kommt auch langsam auf die Beine, er befindet sich genau in der Mitte der normalen Bandbreite, niedriger als früher zwar, aber das kann sich mit dem Training noch anpassen. Medikamentöse Hilfe ist also erst mal nicht notwendig und da bin ich schon recht froh.

Im August kamen sehr lockere 38 Trainingsstunden zusammen, kein Radfahren!

 

19.8.2003:
Ich habe mich jetzt lange nicht mehr gemeldet, denn es geht mir nicht gut, v.a. auf psychischer Ebene. Physisch geht es langsam aufwärts: über immer längere flache Spaziergänge bin ich jetzt schon bei straffen Bergwanderungen, Schwimmen, lockeres Traben auf dem Laufband. Krafttraining darf ich erst ab Anfang September machen.

Aus meinem Sitzfleisch haben sie uferlose Dinge herausgeholt. Zwar noch alles gutartig, aber schon z.T. verknorpelt, mit vielen Fistelgängen und riesengroß. Sie haben mich von hinten nach vorne aufgeschlitzt und ich muß mindestens 3 Monate die Finger vom Rad weglassen. Der Clou: wahrscheinlich haben sie noch ein Teil übersehen und so werde ich wohl im September noch einmal nachoperiert werden müssen. Ich fürchte, ich werde die ersten Radkilometer erst im nächsten Frühjahr machen können.

Der Hodentumor war ein kirschkerngroßes, in sich abgeschlossenes Geschehen (Seminom), so daß von einer Streuung nicht ausgegangen werden muß. So bleibt es also vorerst bei der Semikastration (ich liebe diese medizinischen Fachausdrücke), um Bestrahlung und Chemotherapie komme ich derzeit herum. Dafür muß ich die nächsten 10 Jahre engmaschige Kontrollen durchlaufen. Als nächstens muß kontrolliert werden, wie sich mein Hormonstatus und die Spermiogenese entwickeln.

Aufgrund meines dringenden Nachfragens bei allen Ärzten kann ich hier die männliche Leserschaft beruhigen: es gibt keinen schulmedizinisch gesicherten Zusammenhang zwischen Radrennsport und Hodenkrebs! Die Häufigkeit unter Radfahrern im Vergleich zur Normalbevölkerung differiert nicht!

Ansonsten - und ich schäme mich nicht, dies zu erzählen - nehme ich derzeit die Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch. Ich hoffe, daß die Symptome dieses Traumas (Depression, Sinnlosigkeitsgedanken, etc.), das v.a. im Unterbewusstsein zu liegen scheint, langsam immer schwächer werden. 

Die mentale Bewältigung der Notwendigkeit dieser OP ist vollzogen: Hodenkrebs ist einer der aggressivsten Krebsarten überhaupt und absolut lebensbedrohend! So könnte man sagen, Glück im Unglück gehabt! Aber es bleibt immer noch ein Unglück..........

 

30.7.2003:
Dies ist eine schlimme Zeit für mich. Der Vorgehensweise "Freitag zum Dienstschluss Hodenkrebs diagnostiziert, 3 Tage später Nuss ab" habe ich mich verweigert. Es wurde dann noch ein CT gemacht, um Metastasen auszuschließen. Die habe ich noch nicht. Man empfahl mir dringend die OP, jegliches Zuwarten könnte lebensbedrohlich sein. Meinen "biker´s nodule" wollte man sozusagen als Trost gleich mitoperieren.

Es folgten 2 Wochen Autorally: von Therapeut zu Therapeut, alternative Methoden, Zweitmeinungen, Anwendungen. Am 20.7. kam es zur abschließenden Untersuchung, der Tumor zeigte sich nach wie vor in voller Größe im Ultraschall. Am 21.7. wurde ich 4 h lang operiert. Nach drei schlimmen Tagen ging es körperlich aufwärts und gestern bin ich aus dem Krankenhaus entlassen worden.

Langsam wird mir klar, daß das physische Trauma Kindergeburtstag gegen das ist, was nun auf der psychischen Ebene auf mich zukommen wird......

Nur für die Statistik: im Juli habe ich bis zum Tag X noch 43 h auf dem Rad trainiert. Spaß hat es wegen der Wahnsinnsdiagnose und der Sitzbeule keinen gemacht, aber die Arbeit mit meiner Nachwuchstruppe mußte ja fortgeführt werden.

 

4.7.2003:
Diesen Freitag werde ich wohl nie vergessen. Auch die Urologen sollten ihre Fachmeinung abgeben. Das sind gründliche Leute mit hochspezialisierten Geräten, mit denen sie nicht nur an Ort und Stelle bleiben, sondern auch umgebende Strukturen durchleuchten.

Bei der Gelegenheit haben sie bei mir die Diagnose Hodenkrebs gestellt. Schon am nächsten Dienstag soll ich operiert werden! Die Welt schnurrt zusammen .....................

 

3.7.2003:
Für die Dermatologen der Uniklinik der LMU in München bin ich die Sensation. Meine Pest im Sitzbereich hat schon einen Namen ("biker´s nodule"), ist aber eine so neue Pathologie, daß ich sogar als besonderer Fall in der sog. Mittagsvisite des Prof. Plewig vorgeführt wurde. Dort haben mir ca. 40 Ärzte und Professoren auf die Weichteile geschaut! Zusammenfassend war man dann der Meinung, daß man die Geschichte operativ versorgen müßte, was ja auch zu erwarten stand.

Im Zuge der OP-Vorbereitung wurde ich nun fleißig im Krankenhaus herumgeschickt: die Kette Ambulanzarzt - Oberarzt - Professor - Mittagsvisite hatte ich hinter mir (5 h), nun folgte Ultraschall, MRT (3 h), morgen die Urologen und die plastischen Chirurgen, die den Eingriff wohl vornehmen werden.